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Nur keine Angst - dies wird keine psychologische Abhandlung! Es wird auch keine Seite, die vor lauter flatternden Regenbogenfähnchen schwer zu lesen ist. Ich möchte hier versuchen, anderen Menschen Mut zu machen, zu ihrer Natur zu stehen. Es geht, es funktioniert und es tut gut!

Es ist schwer zu sagen, wann ich eigentlich mein erstes, richtiges Coming Out hatte. Einen ersten Ansatz hatte ich auf alle Fälle 1989 unternommen. Zu dieser Zeit hatte ich einen Freund, mit dem ich sehr glücklich war. Obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt ein sehr offenes Verhältnis zu meinen Eltern hatte, fiel mir die Entscheidung trotzdem sehr schwer, sie an diesen Teil meiner Persönlichkeit heranzulassen. An einem Sonntagnachmittag nahm ich dann meine Mutter zur Seite und erzählte ihr, daß die Freundschaft zu Frank auf einer ganz anderen Basis stehen würde, als die zu meinen anderen Freunden. Sehr schnell sind wir dann in die ganzen Fragen eingestiegen, die sie und ich uns gestellt haben. Wie soll die Zukunft aussehen? Wie kann man damit überhaupt offen leben? Wie wird das Umfeld reagieren? usw... Das Gespräch war ungeheuer emotional und es flossen Tränen auf beiden Seiten. Ich hatte bis dahin zwar auch ein gutes Verhältnis zu meinem Vater, aber Männer in Diskussion über Gefühle und dann noch zu diesem Thema? Das konnte aus meiner Sicht nicht gut gehen. Ich hatte deshalb den Zeitpunkt so abgepaßt, daß ich meine Mutter eine ganze Weile für mich allein hatte.

Als ich dann am nächsten Wochenende wieder nach Norderstedt kam, war auch mein Vater informiert. Das Gespräch, das wir dann zu dritt führten, erinnere ich noch gut. Es war zwar ruhig und auch ein wenig sachlich aber irgendwie war es nur darauf ausgelegt, mir diese “Flausen” aus dem Kopf zu reden. Es gipfelte in der Aussage “Junge, geh’ doch mal zum Psychologen - da kann man was machen!”. Das war für mich der Punkt, an dem ich eingesehen habe, daß ich von meinen Eltern nicht auf Anhieb Toleranz oder gar Akzeptanz erwarten konnte. Ich dachte, sie würden die kommenden Wochen dafür nutzen, sich mit der Tatsache anzufreunden, daß nunmal aus meiner Richtung keine Enkelkinder zu erwarten seien. Leider hatte ich mich verspekuliert. Meine Eltern setzten in der kommenden Zeit alles daran, zu verhindern, daß ich mich mit Frank traf. Zum Schluß wurde mir die Nutzung des Autos untersagt, auf das ich dringend angewiesen war, um zu ihm zu kommen.

Die Kommunikation zwischen mir und meinen Eltern kam dann völlig zum Erliegen. Ich wohnte zwar noch Zuhause, fühlte mich aber nicht mehr so. Unter diesem konstanten Druck zerbrach zuerst mein Vertrauen zu meinen Eltern, dann die Beziehung zu Frank und dann meine Gesundheit. Da ich zu diesem Zeitpunkt gerade in Husum beim Bund war, habe ich dort eine Woche in der Sanitätsstaffel gelegen. Während dieser Zeit habe ich permanent mich selbst in Frage gestellt, mein Verhalten analysiert und mein Leben überdacht.

Diese Selbstzweifel haben dazu geführt, daß ich in den kommenden Jahren nicht in der Lage war, eine Beziehung aufzubauen. Alles zerbrach daran, daß ich kurz nach dem Kennenlernen einen Rückzieher machte. Dies änderte sich dann erst, nachdem ich Tina im Rahmen der Ausbildung kennenlernte. Plötzlich reagierten meine Eltern, die mir trotz allem was vorgefallen war immer noch etwas bedeuteten, sehr positiv und es erschien für mich ganz leicht, diese Beziehung einzugehen. In den kommenden Jahren war die Tatsache, daß ich schwul sein könnte nie wieder ein Thema zwischen meinen Eltern und mir. Auch Tina, mit der ich zu Anfang unserer Beziehung kurz über Frank gesprochen hatte, schloß diesen Punkt aus.

Wir begannen uns ein Leben zusammen aufzubauen, zogen zusammen, kauften uns ein Haus ...

1998 wurde dann alles schlagartig anders. Ich verbrachte viel Zeit allein, da Tina aufgrund von zwei schweren Operationen lange Zeit auf Kuren verbrachte. Mir kamen in dieser Zeit immer mehr Zweifel, ob der eingeschlagene Weg für mich der Richtige gewesen sein sollte. Ich habe tagelang vor mich hingegrübelt, in mich hineingehorcht und bin zu keinem Ergebnis gekommen. Auch eine Beratungsstelle in Hamburg konnte mir nicht so recht weiterhelfen.

Anders wurde es erst, als ich Peter kennenlernte. Mit ihm konnte ich mich über die Erfahrungen der letzten Zeit austauschen und merkte immer mehr, daß dieser Lebensweg eine ungemeine Faszination auf mich ausgeübt hat. Peter hat mir in dieser Zeit ungeheuer den Rücken gestärkt, ohne mich jemals unter Druck zu setzen. Ich begann mit Tina über meine neuentdeckten, alten Gefühle zu sprechen. Die Zeit, die dann folgte, war eine unbeschreibliche Belastung für Tina, Peter und mein gesamtes Umfeld. Ich war nicht mehr in der Lage, klar zu differenzieren, was ich eigentlich wollte. Ich schwankte immer schneller zwischen den beiden Wegen hin und her, so daß ich gegen Ende fast wöchentlich einer anderen Meinung war. Ich habe mich dann schließlich in psychotherapeutische Behandlung begeben, da ich aus dieser Sackgasse aus eigener Kraft nicht mehr herauskam.

Nach einem Jahr des Schwankens, der Zweifel und der Verzweiflung war ich dann endlich sicher, was ich wirklich wollte. Aber bis ich mich ganz offen zu Peter stellen konnte hat es noch ein paar Monate gedauert. Meine Eltern, die diesen Prozeß mit durchgemacht haben, reagierten diesmal weitaus zurückhaltender und abwartender. Auch war diesmal ihr Ansatz ein ganz anderer. In den letzten 10 Jahren hatten sie ihre Reaktion von damals durchdacht und waren zu neuen Erkenntnissen gekommen. Es war aus ihrer Sicht in erster Linie nicht mehr wichtig, wie sie mit dem Thema umgingen, sondern es ging ihnen darum, ob ich glücklich sei. Auch ich bin mit meinen Eltern anders umgegangen. Ich habe ihnen keinen Druck gemacht, Peter kennenzulernen. Sie sollten sie äußern, wenn sie sich in der Lage sehen, uns beide zu treffen. Am 23. Juni 1999 war es dann soweit. Wir trafen uns in der Hamburger City und aßen gemeinsam und guckten uns Bilder eines Spontanurlaubs an, den Peter und ich gemacht hatten, um dem Ganzen kurzzeitig zu entfliehen (Mexiko). Das Gespräch verlief sehr angenehm und nach und nach begannen sie, Peter in immer mehr familiäre Aktivitäten einzubinden.

Heute hat sich das Verhältnis zu meinen Eltern soweit wieder normalisiert. Die Narben von 1989 sind aber geblieben und werden unsere Beziehung zueinander wohl immer begleiten. Meine gesamte Familie und mein Freundeskreis kennt mich inzwischen so wie ich bin und ich bin froh, daß ich mich nicht verstellen muß. Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, wenn man endlich wieder das Gefühl hat, daß die Freunde einen wirklich kennen. Ein noch schöneres Gefühl ist es, wenn man seinen Freunden gestattet, diesen Teil der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und damit zu 100% akzeptiert wird!

Rückblickend kann ich sagen, daß der Weg für mich unwahrscheinlich schwierig und mit so manchem Verlust verbunden war. Auf diesem Weg ist z.B. leider auch eine Freundschaft in die Brüche gegangen, der ich heute noch nachtrauere.

Aber insgesamt fühle ich mich heute von riesigen Last befreit, endlich so leben zu können, wie es meinem Innersten entspricht.

Ich kann jeder bzw. jedem nur empfehlen, diesen Schritt zu machen! Es lohnt sich!