Mehr als 2.200 Meter ragt der Gipfel des Sri Pada (Adam's Peak) in die Höhe. Durch seine fast kegelförmige Spitze ist der Berg weithin sichtbar und leicht zu erkennen. Vielleicht war es ja gerade diese Form, die den singhalesischen König Valagama Bahu magisch angezogen hat. Er soll jedenfalls im Rahmen einer Jagd von einem Tier auf den Gipfel geführt worden sein. Dort hat er dann zu seiner großen Verwunderung eine Vertiefung im Fels vorgefunden, die ungefähr die Ausmaße eines riesigen Fußes hat. Schnell war die Erklärung für diesen übermenschlich großen Fußabdruck gefunden - Buddha mußte kurz bevor er ins Nirvana überging nocheinmal die Erde berührt und diesen Abdruck im Fels hinterlassen haben. Mit diesem Hintergrundwissen läßt sich ganz einfach nachvollziehen, woher der singhalesische Name des Berges stammt. "Sri Pada" bedeutet nichts anderes als "Edler Fuß". Die englische Bezeichnung "Adam's Peak" läßt sich ähnlich einfach herleiten. Nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden waren, wurden sie auf der Erde in einem Gebiet ausgesetzt, die dem Paradies sehr ähnlich sein sollte. Adam mußte zur Strafe für das, was zur Vertreibung geführt hatte, auf der Bergspitze auf einem Bein stehen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie lange man so stehen muß, um einen derartigen Abdruck im Felsen zu hinterlassen! Jedes Jahr in der Pilgersaison ist dieser Berg der Anziehungspunkt für Tausende von Pilgern, die während sie Gebete murmeln langsam zum Gipfel aufsteigen.
Nachdem wir uns einen Tag in Hatton ausgeruht hatten, haben wir uns mitten in der Nacht aufgemacht, um es den Pilgern gleichzutun. An unserem freien Tag hatten wir einen Fahrer organisiert, der uns nach einer Stunde Fahrt durch die Dunkelheit am Startpunkt des Aufstieg in Dalhousie bringen sollte. Die Fahrt war schon ein Erlebnis für sich. In einem kleinen japanischen Van saßen wir zu viert (unserer Fahrer hatte sich eine Begleitung mitgebracht, damit er nicht alleine auf unseren Abstieg warten mußte) und die Lüftung war nicht im Ansatz in der Lage, die Scheiben vom kondensierenden Wasser zu befreien. Je höher wir kamen, desto niedriger wurden die Temperaturen und um so hoffnungsloser wurde der Kampf gegen die beschlagenden Scheiben. Schließlich betätigte sich die Begleitung unseres Fahrers von innen als menschlicher Scheibenwischer. Der Weg von Hatton nach Dalhousie führt vorbei an Teefabriken, kleinen Häuseransammlungen und einem mächtigen Staudamm. Dort wurden wir beim Betreten und Verlassen der Staumauer über die die Straße führt, vom Militär kontrolliert. Ob die Soldaten durch die beschlagenen Scheiben überhaupt erkennen konnten, wer im Wagen saß? Egal, ich war zu diesem Zeitpunkt einfach nur froh, daß wir das weitaus günstigere Angebot unseres Tuc-Tuc-Fahrers vom Vortag nicht angenommen hatten, uns zum Sri Pada zu fahren. Die Temperaturen waren empfindlich niedrig und ich mochte mir nicht vorstellen, wir wir auf der Rückbank gefroren hätten.
In Dalhousie angekommen wurden wir von unserem Fahrer auf einem Parkplatz herausgelassen und er machte uns deutlich, daß er hier auf uns warten würde. Den richtigen Weg zu finden war zu der späten Stunde relativ einfach. Alle 50 Meter ist eine schmucke Neonröhre angebracht, die die ganze Szenerie in ein sehr unwirkliches Licht tauchte. Gerade die noch geschlossenen Souvenierstände, die aus Brettern und aufgeschnittenen Plastiksäcken bestehen, wirken in diesem Licht besonders eigenartig.
Der Aufstieg führt vorbei an einer kleinen Dagoba, einer Statue von Ganesha und natürlich einer Buddha-Statue. Ist der Weg am Anfang noch nicht sehr steil, so machen einem schon hier die Stufen, die in den Fels geschlagen worden sind erhebliche Schwierigkeiten. Es gibt keine feste Höhe geschweige denn Länge einer Stufe - es ist also unmöglich einen Rhythmus zu entwickeln und man muß bei jedem Schritt aufpassen wohin man tritt. In der pechschwarzen Nacht zeichneten sich noch nicht einmal die Umrisse des Berges gegen den dunklen Himmel ab. Das Einzige, was deutlich zu sehen war, war die Spur der Neonröhren, die wie eine gigantische Leiter in den Himmel zu steigen schein.
Als wir auf ungefähr der Hälfte des Aufstiegs angekommen waren, nahm die Anzahl der Menschen zu, die uns entgegenkamen und nach Dalhousie zurückgingen. Wir haben ein paar Minuten gebraucht, um zu erkennen, wer uns da eigentlich entgegenkam. Es hat uns nur gewundert, warum es hauptsächlich Jungen waren, die mit einer sagenhaften Geschwindigkeit wieder zurück ins Tal rannten. Aber mit zunehmender Anzahl der Kioske am Wegesrand, war uns schnell klar, daß die natürlich auch beliefert werden mußten. Was liegt also näher, als der Dorfjugend ein paar Rupies zu geben, damit sie die Waren den Berg hinaufträgt. Schnell zurück mußte es wohl gehen, damit sie rechtzeitig zu Schulbeginn wieder im Dorf waren.
Die zweite Hälfte des Weges ist um ein Vielfaches anstrengender als der erste Teil. Die Stufen nehmen in der Höhe zu und werden kürzer. Im letzten Drittel taucht auch ein Geländer auf, das man an einigen Stellen durchaus gebrauchen kann, um sich die hohen Stufen hinaufzuziehen. Von den Kiosken haben wir bis zum Ende keinen Gebrauch gemacht. Da wir uns mit dem Aufstieg beeilt hatten, waren wir fast eine Stunde vor Sonnenaufgang am Gipfel angelangt. Hier war nun der letzte Rest von Tropenstimmung verflogen. Die Temperaturen tummelten sich nahe 0 Grad und ein heftiger Wind blies durch die Klamotten. Obwohl wir gut angezogen waren, hatten wir auf dem Weg hinauf doch mehr geschwitzt als gedacht, so daß es jetzt wirklich kalt wurde.
Zum Glück begann gerade am letzten Kiosk die "Geschäftszeit" als wir eintrafen. Der Mitarbeiter, der sich ein halbes Jahr auf dem Berg aufhält und dann abgelöst wird, hatte sich gerade von seinem Nachtlager erhoben. Bevor wir sein "Last-Hotel" betreten konnten, mußte ersteinmal ein paar grundlegende Dinge durchgeführt werden. Zuerst wurde die Tür geöffnet, d.h. die alten Reissäcke, die den Eingang verdeckten, wurden abgenommen. Dann fummelte er an einem alten Radio herum. Nach kurzem Rauschen ertönten plötzlich Mönchsgesänge und er entzündete ein paar Räucherstäbchen und begann, den Verkaufsraum auszuräuchern. Ob er seinen Laden von den bösen Geistern der Nacht gereinigt hat oder ob's einfach 'ne Show für Touris war, konnten wir nicht erkennen. Als er seine Rituale abgeschlossen hatte und die Gesänge verklungen waren, bat er uns sehr höflich herein und fragt uns, ob wir in dem Nebenraum, in dem er gerade geschlafen hatte, am Feuer Platz nehmen wollten. Wir wollten nicht zu sehr in seine Privatssphäre eindringen, bedankten uns und meinten, wir würden uns an einen seiner Tische im Verkaufsraum setzen. Wir bestellten und bekamen jeder ein Glas mit heißem, dampfenden Tee hingestellt. Mir hat dieser "Blätteraufguß" selten besser geschmeckt, als in dieser Situation. Unser Gastgeber ließ es sich aber nicht nehmen, uns zumindest noch ein paar Kekse auf Kosten des Hauses zu spendieren. Nach einer 3/4-Stunde unterhaltsamen Gespräches verabschiedeten wir uns von ihm und machten uns auf, die letzten Meter zum Gipfel zurückzulegen.
Nach kurzer Zeit und dem wohl steilsten Stück des Aufstiegs waren wir endlich am Ziel angekommen. Zuerst haben wir die kleine Tempelanlage einmal umrundet, um uns mit der Gegend vertraut zu machen. Um einmal herumzukommen muß man durch zwei volle Aufenthaltsräume, die den Charme einer hellgrün angestrichenen, zugigen Garage haben. Wie es Menschen dort eine ganze Nacht auf dem harten Betonfußboden aushalten können ist mir ein Rätsel. Nachdem wir nach wenigen Minuten wieder am Ausgangspunkt angekommen waren, beschlossen wir, uns den Tempel genauer anzusehen. Es kostet schon ein wenig Überwindung, bei 0 Grad und einem eisigen Wind die Schuhe auszuziehen, um die Tempelanlage zu betreten. Dem recht modern ausschauenden Betonbau konnten nicht einmal die hektisch im Wind flatternden Gebetsfähnchen etwas Heiliges entlocken. Um zum Allerheiligsten, dem Fußabdruck zu gelangen müssen noch ein paar Stufen emporgestiegen werden. Dort am höchsten natürlichen Punkt dieses Berges ist eine Vertiefung im Fels, die mit reichlich Phantasie an einen Fußabdruck erinnert. Die Ergriffenheit in den Gesichtern der Singhalesen, die einen Blick auf den Abdruck werfen, verbietet jegliche Spekulation über die Herkunft der Vertiefung.
Pünktlich zum Sonnenaufgang erscheint ein Tempeldiener mit einer Trommel vor dem Bauch und beginnt, einen eingängigen Rhythmus zu schlagen. Wenn man etwas Glück hat und das Wetter mitspielt, kann man den Schatten des Berges auf der im Tal liegenden Wolkenschicht erkennen. Durch die Kegelform des Gipfels ergibt sich ein perfekt dreieckiger Schatten, der langsam auf den Berg zu wandert. Leider machten uns ein paar höhere Wolken am Horizont einen Strich durch die Rechnung. Nachdem die Sonne auch die Wolken am Horizont überstiegen hatte, neigte sich die Zeremonie am Tempel dem Ende zu. Während die Singhalesen noch ihre Gebete murmelten konnte man die ersten Sonnenstrahlen spüren und es wurde Zeit, sich daran zu erinnern, daß jeder Reiseführer rät, den Abstieg sofort nach Sonnaufgang zu beginnen, damit man noch vor der einsetzenden Tageshitze wieder im Tal ist.
Wer wie ich denkt, der Abstieg sei doch viel einfacher als der Aufstieg, hat sich mächtig verkalkuliert. Durch die vorgegebenen Stufen im Fels ist der Abstieg eine wahre Strafe. Nach ganz kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, meine Beine seien zu Gummi mutiert. Zum Glück gibt es im oberen Drittel die Geländer an denen ich mich beim Aufstieg heraufgezogen habe, die ich jetzt aber nutze, um sicher auf den Füßen zu bleiben. Bei Tageslicht betrachtet sieht die Landschaft komplett anders aus. Erst jetzt kann man erkennen, wie steil der letzte Teil des Aufstiegs eigentlich wirklich ist - ich glaube es ist ganz gut, daß man das in der Nacht nicht so genau erkennen kann.
Während wir uns den Berg hinunterbewegten, begannen die Menschen mit dem Aufstieg, die es nicht in wenigen Stunden schafften, die Höhe zu überwinden. Uns kam eine Familie entgegen, deren älteste Dame mit Sicherheit schon älter als 70 Jahre war und von ihrer Verwandschaft liebevoll die einzelnen Stufen heraufgeführt wurde. Kurze Zeit begegneten wir einem Menschen, dessen Bild vom Aufstieg sich ganz fest in meinen Kopf gebrannt hat. Es war ein Mensch, der beide Beine verloren hatte und sich mit seinen mit Tüchern umwickelten Händen jeweils rückwärts an den Stufen hochdrückte. Was waren meine Muskelschmerzen schon im Vergleich zu der Leistung, die dieser Mensch vollbracht hat.
Um 9.30 Uhr haben wir es dann geschafft. Wir sind wieder heil am Parkplatz angekommen, wo unserer Fahrer schon auf uns wartet. Wir fahren zum Hotel zurück, ordern das Frühstück, springen unter die Dusche, essen hastig, checken aus und lassen uns zum Bahnhof fahren, wo 10 Minuten später der Zug einfährt, der uns ein zweites Mal nach Nuwara Eliya bringt.
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