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Der Felsen von Sigiriya wird in vielen Reiseberichten mit dem Ayer's Rock in Australien verglichen. Obwohl ich noch nie in Australien war, glaube ich, daß dieser Vergleich etwas hinkt. Was die beiden Stätten miteinander verbindet ist aber sicherlich, daß beide Felsen in ihrer Umgebung etwas deplaziert wirken.

Es ist schon ein komischer Anblick, wenn mitten aus dem Dschungel ein riesiger Monolith auftaucht. Zum seltsamen Anblick trägt auch die Form des Berges entscheidend bei. Dadurch, daß er oben fast eine waagerechte Ebene bildet, wirkt er sehr künstlich und verbindet sich in keiner Weise mit seiner Umwelt.

Das sich der König Kashyapa auf diesem Felsen eine Festung errichten ließ ist durchaus verständlich. Er hatte seine Vater, den amtierenden König bei lebendigem Leib einmauern lassen und Thronfolger, seinen Halbbruder vertrieben, um die Macht an sich zu reißen. Seit dieser Zeit lebte er in permanenter Angst, sein Bruder könnte zurückkehren und ihm den Thron streitig machen. Eine Behausung auf dem riesigen Felsen in Sigiriya schien ihm der einzige Ausweg, dieser Furcht Herr zu werden. Genützt hat es ihm leider nicht sehr viel. Kurz nach Fertigstellung seines Palastes rückte sein Bruder aus dem benachbarten Indien an, um den Vatermord zu rächen. Kashyapa und seine Armee traten seinem Bruder gegenüber und in der folgenden Schlacht gab Kashyapa ein mißverständliches Zeichen, das seine Männer als Zeichen zum Rückzug deuteten. Urplötzlich stand der König ohne sein Heer da und es blieb ihm noch der Griff zum Dolch, um nicht in die Hände des rechtmäßigen Thornerbes zu fallen.

Obwohl Kashyapa nicht unbedingt einer der größten Sympathieträger der Geschichte ist, so hat er doch bei der Errichtung seiner Festung in Sigiriya Geschmack bewiesen. Die Lustgärten, die man auf dem Weg zum Felsen durchschreitet, machen auch heute noch einen sehr gepflegten und durchdachten Eindruck, der sich beim Anblick von oben noch bestätigt. Kurz nachdem die treppen zum Aufstieg beginnen, befinden sich an vielen Punkten Betten bzw. Liegeflächen aus Stein, die früher mit Kissen belegt war, um sich vom beschwerlichen Aufstieg zu erholen.

Als wir uns dem Felsen näherten, war ich zuerst etwas enttäuscht, denn vom dem Koloß, den ich am Abend zuvor bei der Anreise gesehen hatte, war aufgrund des Nebels nichts zu erkennen. Wie ein milchiger Vorhang hob sich aber bald der Nebel und je näher wir dem Berg kamen, um so mehr konnte man von ihm erkennen. Das erste, was dem Betrachter am Felsen auffällt ist die orangefarbene Mauer, die sich am unteren Rand bis zur linken Ecke des Felsens hinzieht. Die sogenannte Spiegelgallerie war eine besonders pfiffige Idee der Erbauer von Sigiriya. Die dem Felsen zugewandte Seite wurde mit einer Schicht aus Eiweiß und verschiedenen Harzen eingerieben und danach blank poliert. Die so entstandene Fläche reflektierte die Wandmalereien, die sich auf der gegenüberliegenden Felswand befanden.

Der gesamte Felsen soll in früheren Zeiten bemalt gewesen sein. In vielen kleinen Höhlen am Berg finden sich heute noch Überreste der Malereien. Unter einem Felsüberhang oberhalb der Spiegelgallerie befindet sich, heute durch einen kleinen Vorbau vor der Witterung geschützt, ein letzter Überrest dieser Bemalung. Die sogenannten Wolkenmädchen tragen diesen Namen, da sich ihre Darstellung ab der Hüfte in kleinen Wölkchen verliert. Die Bilder sind in den vergangenen Jahrhunderten ohne Rücksicht auf Verluste restauriert worden, wobei jeder beteiligte Künstler seine eigenen Ideen eingebracht hat. Hätten die Maler bessere Farben benutzt, wäre dies wahrschienlich nicht weiter aufgefallen. Da aber die Deckkraft der neuen Farben nachläßt, kommen an einigen Stellen die alten Malereien wieder durch. So kann man deutlich sehen, daß einem Maler wohl die Brüste der Damen etwas zu sehr der Schwerkraft nachgaben. So hat er kurzerhand die Brustwarzen versetzt, um einen hängenden Eindruck zu vermeiden. Wenn da nicht die alten Farben wären... dies führt jetzt dazu, daß einige der Damen vier Brustwarzen, drei Arme oder weitaus mehr als 5 Finger an einer Hand haben. Künstlerpech!

Der Aufstieg zu den Wolkenmädchen gibt einen ersten Vorgeschmack auf das, was später noch kommen soll. Man gelangt auf die Plattform, von der aus man die Malereien bestaunen kann, nur über eine etwas klapperige, alte Wendeltreppe. Diese Treppe stammt sinnigerweise aus einer Londoner U-Bahn-Station und wurde dort ausgemustert. Wenn sich viele Menschen auf der Treppe bewegen, ist man ganz froh, am Ende wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Folgt man jetzt der Spiegelgallerie, gelangt man an der Stirnseit des Felsen zum sogenannten Löwentör, das den imposanten Eingang zur Festung Kashyapa's gebildet hat. Heute sind von diesem Tor nur noch die beiden riesigen Tatzen links und rechts des Eingangs erhalten. Der Kopf des Löwen durch dessen Maul man die Burg betreten mußte, ist leider im Lauf der Zeit verfallen. An diesem Punkt trennt sich bei den Touristen die Spreu vom Weizen. Denn wenn man die Metallkonstruktion betrachtet, die an der fast senkrecht ansteigenden Felswand emporführt, so kann einem schon recht mulmig werden. Dabei weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, wie sehr dies das ganze Ding in Schwingungen versetzt, wenn man darauf geht und an wie wenigen Punkten es fest mit der Wand verbunden ist. Das ist aber auch besser so, denn sonst würde wohl kaum einer den Aufstieg wagen.

Wenn Du Dich auf den Weg machst, den Gipfel zu erklimmen, solltest darauf achten, daß es auf der Treppe zwei Gehrichtungen gibt. Ein weitaus ernsthafteres Problem stellen ein paar Wespenvölker dar, die sich in der Felswand eingenistet haben. Ab und zu werden sie etwas drollig und fliegen Angriffe auf die vorbeischleichenden Touristen. Für diesen Fall sind extra am oberen Ende der Treppen große Käfige aus engem Maschendraht aufgestellt worden, in die man sich bei Bedarf flüchten kann. Während des Aufstiegs solltest Du mal einen Blick auf die Felswand werfen, denn die ursprünglichen Stufen, über die der Aufstieg früher möglich war, sind heut noch gut erkennen. Im Vergleich dazu ist die rostige Konstruktion ein wahrer Luxus! Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß alle Baumaterialien und Versorgungsgüter für die Festung über diese schmalen Stufen auf den Berg transportiert worden sind. Da es aber keine andere Aufstiegmöglichkeit gibt, blieb den Menschen damals wohl nichts anderes übrig.

Oben angekommen könnte es sein, daß Du etwas enttäuscht bist. Vom ehemals prunkvollen Palast Kashyapa's stehen heute nur noch die Grundmauern. Das Ausmaß der Anlage erst bei einem Rundgang richtig einschätzen. Da es ihm in seiner Zeit auf dem Felsen an nichts mangeln sollte, ließ Kashyapa sogar ein riesiges Schwimmbecken in den Felsen treiben.

Das einzige, was man heute noch genauso wie früher geniessen kann ist der atemberaubende Weitblick über das unendliche Grün, das sich rings um den Felsen erstreckt. Auf dem höchsten Punkt des Felsens hat sich der König seinen Schlafplatz errichten lassen. Das muß ein Gefühl gewesen sein, morgens mit diesem Ausblick aufzuwachen!

Den Aufstieg zu den Palastruinen solltest Du am frühen Morgen beginnen, da sich auf dem Felsen nur wenige schattige Plätzchen finden lassen und die Sonne richtig brennen kann. Um nicht Wasser zu überzogenen Preisen kaufen zu müssen, solltest Du Dich schon rechtzeitig mit ausreichend Getränken eindecken. Am Fuß der Anlage entstand Anfang 2000 eine kleine Ansammlung von Gebäuden, die wohl heute Souveniershops beherbergen. Spätestens hier sollten die Vorräte aufgestockt werden, denn es gibt dann nur noch einen kleinen Kiosk am Löwentor.