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Wer im Flieger nach Sri Lanka sitzt hat wahrscheinlich nur Palmen, menschenleere Strände und die vielen kulturellen Highlights der Insel im indischen Ozean vor Augen. Aus diesem tropischen Traum erwacht man ganz schnell und nicht gerade sanft, sobald man in Colombo eingetroffen ist. Die Stadt ist mit europäischen Maßstäben nicht zu messen. Es ist eine sehr bunte und extreme Mischung aus Armut, Reichtum, kolonialen Bauten, grünen Parks, erdrückender Militärpräsenz und einem sehr ungewohnten Lärmpegel. Sobald man um eine Häuserecke biegt, scheint man jedesmal in eine völlig neue Welt zu tauchen. Besonders auffällig ist dieses "Phänomen" entlag der Galle Road, die eine der Lebensadern der Hauptstadt bildet. Die ruhigen Nebenstraßen mit ihren kleinen Parks und alten Villen entschädigen immer wieder für ein paar Meter Fußweg auf der Galle Road.

Nachdem wir uns zwei Tage am Strand eingewöhnt hatten, haben wir uns am frühen Morgen in Hikkaduwa auf den ersten Ausflug in Richtung Colombo gemacht. Die Fahrt mit dem Intercity ist ein Erlebnis, das jeder Sri Lanka Urlauber einmal haben sollte. Der Zug bewegt sich mit ca. 60 Stundenkilometern vorwärts. In Anbetracht des doch etwas maroden Schienennetzes und des Zustands des Waggons grenzt dieses Tempo schon fast an Schallgeschwindigkeit. Die Zugfahrt war dann kurz vor Colombo mitten auf einer Straßenkreuzung zuende. Ich saß am Fenster, schaute die Autofahrer hinter der geschlossenen Schranke an und die guckten zurück. Die ganze Szenerie wurde untermalt von einem penetrant klingelndem Glöckchen, das wohl anzeigen sollte, daß ein Zug käme.

Nach ein paar Minuten begannen die ersten Singhalesen die rostigen Leitern an den Zügen herunterzuklettern und sich zu Fuß in Richtung Bahnhof aufzumachen. Wir haben uns das Schauspiel noch etwas mit angesehen und haben dann beschlossen, daß das, was die Einheimischen machen, nicht ganz verkehrt sein kann. Wir haben uns dann einem Pulk von Pendlern angeschlossen, die sich auf dem Bahndamm in Richtung Colombo bewegten.

Auf diese Weise haben wir einen Einblick in Teile von Colombo erhalten, die wir auch als Individualtouristen wohl nicht gehabt hätten. Wer schon einmal mit dem Zug aus Richtung Süden nach Colombo gefahren ist, wird die Slums kennen, die sich links und rechts des Bahndamms erstrecken. Es sind aneinandergequetschte Hütten, die aus von der Sonne gebleichten Bretten und einer Unmenge von Plastikplanen bestehen. Die Gänge zwischen den Hütten sind so dunkel, daß man nur wenige Meter hineinschauen kann. Der gestoppte war eine echte Sensation für die Bewohner dieses Stadtteils. Alles sammelte sich an den dem Bahndamm zugewandten Seiten und bestaunte die Karawane, die über die Bahnschwellen stolperte.

Als sich mein Hirn langsam daran gewöhnt hatte, die Eindrücke, die auf mich einprasselten halbswegs zu verarbeiten, habe ich bemerkt, welche Rolle der Bahndamm für die Menschen spielte. Die Schienen waren Sitzgelegenheit, die Holzschwellen eine Straße um schnell voranzukommen, die Seiten des Damm eigneten sich hervorragend, um dort Wäsche zu trocknen. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß er auch als Toilette und zum Entsorgen von Müll genützt wird.

Je näher wir dem Hauptbahnhof Colombo Fort Station kamen, um so kleiner wurde unsere Gruppe. Peter und ich legten die 500 Meter auf der parallel verlaufenden Straße zurück, da wir dann doch nicht so viel Mut hatten, wie die Singhalesen, die schnurstracks auf den Gleisen in den Hauptbahnhof marschierten.

Nach dem doch etwas überraschenden Tagesanfang haben wir uns in einen der vielen Parks der Hauptstadt begeben, um dort ein wenig zu verschnaufen. Wir haben uns in einem kleinen Supermarkt mit Wasserflaschen, einer Zeitung und Unmengen von zuckersüßem Gebäck ausgestattet. Die Zeitung hatten wir uns gekauft, da am Vortag ein Attentatsversuch auf die Präsidentin gescheitert war und wir uns etwas über die Situation informieren wollten. Wir fragten uns, wo es geschehen war und blätterten die Zeitung durch während wir langsam unsere Kuchen- und Wasservorräte schrumpfen liessen. Das Attentat wurde im Rahmen einer Wahlkampfkundgebung am Rathaus in Colombo verübt. Das Rathaus ist ein Gebäude, das dem Capitol in Washington nachempfunden ist und dem wir in dem Moment genau gegenübersaßen. Dieser Moment spiegelt ganz gut wieder, daß man gerade in Colombo auf Schritt und Tritt mit dem Bürgerkrieg konfrontiert wird. An jeder größeren Straßenkreuzung gibt es Kontrollposten, die mit mehreren, meist schwer bewaffneten Soldaten besetzt sind.

Trotz des ersten Schocks konnten wir den Viharamahadevi Park noch geniessen. Der Park ist sehr schön angelegt und bildet eine grüne Insel der Ruhe in der tobenden Stadt. Besonders gefallen haben mir zwei Dinge. Zum einen gab es eine Ecke des Parks in die sich die frisch verliebten Pärchen zurückzogen, um händchenhaltend alle Sitzgelegenheiten “zu blockieren”. Das war echt ein Bild für die Götter, aber ich hatte genügend Anstand, es nicht auf Film zu bannen.

Zum anderen waren alle höheren Bäume ähnlich vollbesetzt wie die Pärchen-Ecke. Über unseren Köpfen war in den Baumkronen die Hölle los. Hunderte von Fliegenden Hunden hielten sich gegenseitig davon ab, in Ruhe an einem Ast zu hängen und den Tag zu verschlafen. Die permantente Unruhe regte wohl auch die Darmtätigkeit der Tierchen ungemein an, so daß jeder Schlafbaum deutlich durch die “Droppings” am Boden zu erkennen ist.

Die Stadt ist das Zentrum des Lebens auf Sri Lanka und das führt unweigerlich dazu, daß Bombenattentate hier weitaus mehr Wirkung erzielen können, als in der Provinz. Ich habe mich in Colombo nie sehr gut gefühlt und war immer froh, wenn wir die Stadtgrenze wieder überschritten hatten. Aus meiner Sicht bietet Colombo für einen Tag ein geeignetes Ausflugsziel, wenn man sich der erhöhten Gefahr bewußt ist und mit diesem Druck umgehen kann.